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Der europäische Binnenmarkt hat enormes wirtschaftliches Potenzial

Clemens Fuest ist einer der renommiertesten Ökonomen im deutschsprachigen Raum. Er zeigt auf, wie Europa mit einem gemeinsamen Binnenmarkt und einer Kapitalmarktunion wieder Boden gegenüber den USA und China wettmachen könnte.

Herr Fuest, Sie sprechen am Finance Forum Liechtenstein über Europas wirtschaftliche Zukunft. Wie bewerten Sie die Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen Vergleich?

Europa hat in den letzten zwei Jahrzehnten gegenüber den USA und China an Boden verloren. Im Jahr 2000 hatten die Mitgliedstaaten der EU beschlossen, aus der EU den wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftsraum der Erde zu machen. Dieses Projekt ist gescheitert. Vor allem im Bereich der Digitalisierung hat Europa den Anschluss verpasst.

Welche Reformen wären notwendig, um Europa wieder wettbewerbsfähiger zu machen?

Das grösste wirtschaftliche Potenzial liegt in der Vollendung des europäischen Binnenmarktes. In vielen Bereichen, vor allem bei Dienstleistungen, gibt es immer noch massive Hindernisse für grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Austausch. Die gute Nachricht lautet: Es gibt hier viel Luft nach oben. Gerade in der aktuellen weltpolitischen Lage hat die EU die Chance, sich als verlässlicher Partner anderer Staaten zu positionieren.

Wie sehr sind Regulierung und Bürokratie eine Wachstumsbremse für Unternehmen in Europa?

In den letzten Jahren hat die EU-Politik leider viel Energie darauf verwendet, die europäische Wirtschaft mit überflüssigen Regulierungen zu überziehen, wie auch Mario Draghi in seinem Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit Europas betont hat. Die EU muss sich wieder stärker ihren Kernaufgaben zuwenden, der Vertiefung des Binnenmarktes und der Förderung des Handels mit Drittstaaten.

Welche Rolle spielen Innovation und Digitalisierung für die wirtschaftliche Zukunft Europas?

Digitalisierung ist der Schlüssel zur Wertschöpfung der Zukunft. Das kann man unter anderem daran erkennen, dass unter den weltweit neu entstehenden Unternehmen diejenigen die höchsten Marktbewertungen erzielen, die im Bereich der Digitalisierung tätig sind. Natürlich ist Digitalisierung ein Querschnittsthema, das alle Wirtschaftssektoren und letztlich quasi alle Lebensbereiche betrifft.

Wie sehr würde Europa von einer gemeinsamen Kapitalmarktunion profitieren?

Die Wirtschaft der EU leidet unter den segmentierten Kapitalmärkten, die nicht genug Kapital für Investitionen und Innovationen aufbringen. Eine Kapitalmarktunion würde dafür sorgen, dass mehr Kapital in Europa investiert würde und Unternehmensgründer bessere Finanzierungsbedingungen vorfinden würden.

Was müsste Europa unternehmen, um diese Kapitalmarktunion zu vollenden?

Es geht vor allem darum, die nach wie vor stark national geprägten Rahmenbedingungen für Kapitalmärkte stärker anzugleichen und attraktive Bedingungen für die Entstehung von europaweiten Kapitalmärkten zu schaffen. Es gehört auch dazu, die Regulierung beispielsweise von Versicherungen und anderen Formen der Altersvorsorge so zu ändern, dass mehr in Aktien und Venture Capital Fonds investiert werden kann.

Welche Lehren sollten aus den Bankenturbulenzen der letzten Jahre gezogen werden?

Banken sollten weniger kleinteilig reguliert werden, dafür sollte man die Eigenkapitalanforderungen erhöhen.

Welche langfristigen Risiken sehen Sie für die Finanzstabilität?

Sorgen macht mir die Entwicklung der Staatsverschuldung, sowohl in den USA als auch in der Eurozone. Wenn es hier zu einem Vertrauensverlust kommt, drohen schwere Turbulenzen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Finanzplatzes Liechtenstein von aussen?

Der Finanzplatz Liechtenstein steht für Rechtssicherheit, Verlässlichkeit und Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Anbindung an die EU und die Schweiz. In Zeiten wachsender politischer Unsicherheit und Volatilität sind das erhebliche Stärken.

Clemens Fuest, Ökonom und ifo-Präsident