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Die Finanzwelt braucht mehr als bloss Risk-Return

LGT-Chairman Prinz Max von und zu Liechtenstein spricht am Finance Forum Liechtenstein über Erfolgsfaktoren in der Finanzbranche für die nächste Dekade. Er ist überzeugt, dass Kunden in Zeiten tiefgreifender Veränderungen nach Stabilität und Vertrauen suchen.

Durchlaucht, eine grosse Frage zum Auftakt: Worauf müssen Privatbanken achten, um in den nächsten zehn Jahren erfolgreich zu sein?

Zwei Punkte halte ich für besonders wichtig. Erstens muss das Geschäftsmodell mit dem rasanten technologischen Fortschritt Schritt halten. AI wird die Entwicklung von Technologien und Geschäftsmodellen weiter beschleunigen. Das darf man nicht verschlafen. Zweitens: Wir müssen Stabilität und Charakter zeigen. Wir erleben tiefgreifende geopolitische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, welche die Unsicherheiten erhöhen. In diesem Umfeld ist es wichtig, Vertrauen zu erhalten. Unerlässlich dabei ist eine nachhaltige Strategie mit klaren Prioritäten und eine starke Unternehmenskultur, die von Kundschaft und Mitarbeitenden geschätzt wird.

Zu Ihrem ersten Punkt: Wird sich die Finanzbranche durch neue Technologien grundlegend verändern?

Die wesentlichen Funktionen der Finanzbranche sind von fundamentaler Bedeutung für eine modernen Volkswirtschaft und in ihrer Existenz nicht gefährdet. Aber die Art und Weise, wie diese Funktionen umgesetzt werden – wie Zahlungen durchgeführt, Kredite vergeben und Geldanlagen und Investitionen getätigt werden – wird sich dynamisch verändern. Erfolgreich werden diejenigen Finanzunternehmen sein, die mit hoher Data- und Software-Managementkompetenz neue Technologien und Applikationen nutzen, um die Qualität und Effizienz ihres Geschäftsmodells laufend zu verbessern.

Sie sprechen von Veränderungen und Unsicherheiten. Welche beobachten Sie besonders aufmerksam?

Ich versuche, die Treiber von Trends und Veränderungen ganzheitlich zu verstehen – technologisch, ökonomisch, politisch, ökologisch und gesellschaftlich. Dazu gehört, Entwicklungen in ihrer Dynamik und in ihrem Zusammenspiel zu beobachten, um zu beurteilen, welche besonders wichtig sind. Geopolitisch sind wir aktuell in einer besonders spannenden Phase, da die nationalistische und konfrontative Vorgehensweise von Präsident Trump die wirtschaftliche, die politische und moralische Positionierung der USA fundamental verändert und zu einer neuen Weltordnung führt.

Die USA scheint auch der Nachhaltigkeit den Rücken zu drehen. Beunruhigt Sie diese Entwicklung aus globaler Sicht?

Je länger wir fehlende Nachhaltigkeit ignorieren, desto grösser werden die globalen Probleme, die schon heute schwer wiegen und stark ansteigen. Aber Transformationsprozesse sind schwierig; sie führen immer zu Veränderungen und damit zu Gewinnern und Verlierern. In der Energie- und Automobilindustrie lässt sich das momentan sehr gut beobachten. Natürlich versuchen sich viele Verlierer gegen diese Transformationsprozesse zu wehren. Die Amerikaner sind sehr stark finanziell motiviert; ausserdem ist politisches Lobbying durch Unternehmen und Interessensgruppen im System verankert. Das führt immer wieder zu absurden Resultaten – denken Sie an die amerikanischen Waffengesetze.

Zu Ihrem zweiten Erfolgsfaktor – Stabilität und Charakter. Was verstehen Sie darunter?

Stabilität war schon immer ein fundamentaler Wert für Banken, tritt jedoch oft erst dann in den Vordergrund, wenn Unsicherheiten zunehmen. Sie kann nur durch eine nachhaltige Strategie sichergestellt werden. Bei dem hohen Ausmass an Veränderung, das wir in vielen Bereichen beobachten, steigt das Bedürfnis nach Stabilität und nach Charakter, besonders in der Finanzbranche. Stabilität und Charakter geben Orientierung und stärken das Vertrauen – und Vertrauen ist die Grundlage jeder erfolgreichen Kundenbeziehung.

Was verstehen Sie unter einer nachhaltigen Strategie?

Eine nachhaltige Unternehmensstrategie ist langfristig erfolgreich – nicht nur im konventionellen finanziellen Sinne, sondern auch bezüglich der langfristigen Auswirkungen des Unternehmens auf Gesellschaft und Umwelt. Vor dem Hintergrund der rasant zunehmenden Verluste und Bedrohungen durch den Klimawandel, des Rückgangs an Biodiversität und der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen wird es immer wichtiger, dass Unternehmen ihre Management- und Investitionsentscheidungen mit einer holistischen Perspektive verfolgen.

Warum wurde dieser ganzheitliche Ansatz nicht schon früher zum Standard?

In der traditionellen Ökonomie galt lange Zeit das Credo, dass Unternehmen in erster Linie Gewinne für ihre Aktionärinnen und Aktionäre maximieren sollen. Diese Denkweise hat über Jahrzehnte dominiert. Heute wissen wir, dass eine rein kurzfristige Ertragsoptimierung oft auf Kosten langfristiger Stabilität geht. Umwelt- und gesellschaftliche Herausforderungen sind nicht isoliert zu betrachten, sondern beeinflussen massgeblich wirtschaftliche Entwicklungen und Investitionsentscheidungen.

Die Finanzbranche verändert sich: Private Equity wächst seit Jahrzehnten, während die Anzahl börsengelisteter Unternehmen zurückgeht und sich Unternehmen immer stärker über privates Eigen- und Fremdkapital finanzieren. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Private Equity hat seit Jahrzehnten höhere Renditen erzielt als Public Equity und entsprechend haben Investorinnen und Investoren ihre Allokation zugunsten von Private Equity ständig erhöht. Ausserdem ist es für börsengelistete Unternehmen immer zeitaufwändiger und teurer geworden, die stark angewachsenen regulatorischen Bedingungen zu erfüllen – was es auch für Unternehmen weniger attraktiv macht, sich über die öffentlichen Kapitalmärkte zu finanzieren. Ich gehe davon aus, dass der Siegeszug von Private Equity auch in den nächsten zwanzig Jahren weiter voranschreiten wird, wenn auch nicht im selben Tempo wie in den letzten 40 Jahren und nicht ohne Rückschläge.

S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein, Chairman der LGT Group