Marianne Wildi hat die Hypothekarbank Lenzburg über ein Jahrzehnt geleitet und zu einer digitalen Vorreiterin geformt. Sie ist davon überzeugt, dass neue Technologien gerade für kleine und mittlere Institute grosse Chancen bieten.
Frau Wildi, Sie haben die Hypothekarbank Lenzburg als CEO erfolgreich durch die digitale Transformation geführt. Welche Erkenntnisse aus dieser Zeit sind für den Schweizer Finanzplatz heute besonders relevant?
In der digitalen Welt erreicht man als Institut im partnerschaftlichen Verbund mit anderen Unternehmen mehr als im Alleingang. Innovation entsteht aus der Verbindung vieler Ideen und dem Mut Einzelner, diese Ideen in der Realität umzusetzen. Im April 2016 wurde der Verband Swiss Fintech Innovations (SFTI) gegründet. Hinter SFTI stehen vor allem Schweizer Banken und Versicherer und verfolgen das Ziel, die Schweiz zu einem international führenden Zentrum für Digitalisierung und Innovation in der Finanzbranche zu machen. Die Hypothekarbank Lenzburg ist als Gründungsmitglied dabei. Gemeinsam erarbeiten die Vereinsmitglieder die Grundlagen für Open Banking in der Schweiz. Open Banking wird mittel- bis langfristig auch in der Schweiz relevant werden. Ein wichtiger Erfolg wurde erzielt, als die Börsenbetreiberin Six entschieden hat, die Open-Banking-Schnittstellen ihrer Plattform b.Link im Einklang mit den SFTI-Empfehlungen zum technologischen Standard solcher Schnittstellen auszugestalten.
Sie waren eine der ersten Bankchefinnen, die Open Banking in der Schweiz vorangetrieben haben. Wo sehen Sie die grössten Chancen, aber auch Risiken für die Schweizer Bankenlandschaft in diesem Bereich?
Für kleinere und mittelgrosse Institute bietet Open Banking die Möglichkeit, die traditionellen Barrieren abzubauen und gemeinsam mit neuen Anbietern innovative Produkte und Dienstleistungen anzubieten. So beschleunigt Open Banking die Integration digitaler Finanzdienstleistungen (z.B. Datenanalysen bei Transaktionen) bei vielen etablierten Bankinstitute, welche dadurch kundenorientierter, effizienter und integrativer werden. Die Risiken sehe ich in erster Linie bei den Themen Diebstahl oder Missbrauch von Kundendaten. Finanzinformationen sind per se sensibel. Da in einer offenen Welt mehrere Partner gemeinsam ein Angebot lancieren, haben sich die Angriffsvektoren vervielfacht und entsprechend muss man im Open-Banking-Kontext auch viel stärker in die IT-Security investieren.
Die Balance zwischen Innovation und Regulierung war für Sie stets ein zentrales Thema. Welche regulatorischen Anpassungen bräuchte es, um Innovation im Finanzplatz Schweiz noch stärker zu fördern?
Ich glaube nicht, dass Regulation Innovation fördert. Viel wichtiger ist, dass Regulation Innovation ermöglicht. Die Regulation muss neuen Ideen und Ansätzen genügend Raum lassen, damit sie überhaupt auf den Markt kommen. Regulation muss technologieneutral formuliert sein und vor allem die Rahmenbedingungen definieren.
Welche technologischen Entwicklungen – etwa im Bereich Krypto oder KI – werden die Finanzbranche in den nächsten Jahren am stärksten verändern?
Ich würde nicht von Krypto, sondern allgemeiner von Blockchain respektive der Distributed Ledger Technology (DLT) sprechen. Diese hat sich seit den ersten Boomjahren stetig weiterentwickelt. Vor kurzem hat beispielsweise BX Digital als erste Schweizer Finanzmarktinfrastruktur-Betreiberin von der FINMA die Bewilligung für ein DLT-Handelssystem erhalten. Damit wird die Basis für eine regulierte Plattform für den Handel mit digitalen Vermögenswerten gelegt. Viele Marktteilnehmer versprechen sich davon einen Innovationsschub für den Schweizer Finanzplatz und eine Vorreiterrolle für ganz Europa. Auch für Peer-to-Peer-Zahlungssysteme könnte die Blockchain-Technologie der Schlüssel für dezentralisierte Finanzanwendungen sein, welche die etablierten Player umgehen, indem sie Transaktionen direkt zwischen Einzelpersonen ermöglichen. Diese Innovationen können zu weiteren Umwälzungen bei traditionellen Bankdienstleistungen führen – insbesondere beim Pricing.
Inwiefern?
Künstliche Intelligenz (KI) hat meines Erachtens ein noch grösseres Potenzial. KI wird die Zukunft des Bankgeschäfts massgeblich zu beeinflussen, indem sie beispielsweise die Sicherheit verbessert und innovative Finanzdienstleistungen ermöglichen. KI-gestützte Sicherheitslösungen können riesige Datenmengen in Echtzeit analysieren, um betrügerische Aktivitäten und Anomalien zu erkennen. Schon früher galt: Wer seine Kundschaft gut kennt, kann sie besser beraten und Produkte und Dienstleistungen anbieten, die am besten zu ihr passen. Diese Weisheit gewinnt in der digitalen Welt mehr und mehr an Bedeutung. KI kann riesige Datenmengen rasch und zuverlässig analysieren, so dass den Beraterinnen und Beratern mehr Zeit für das persönliche Gespräch mit der Kundschaft bleibt.
Der Schweizer Finanzplatz geniesst weltweit einen ausgezeichneten Ruf in Sachen Stabilität. Wie kann es gelingen, diese Stabilität zu bewahren und gleichzeitig Innovationsführer in Europa zu werden?
Stabilität bewahren wir, indem wir eine Regulation fördern, die Raum für Innovation lässt und die trotzdem kompatibel mit den Vorgaben der EU ist. Der letzte Punkt ist nicht unwesentlich, wenn wir nicht auf einer grauen Liste landen wollen. Am wichtigsten für die Stabilität aber ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Finanzdienstleister und deren Reputation.
Nach Ihrem Rückzug aus dem operativen Geschäft engagieren Sie sich weiterhin stark für die Digitalisierung und die Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs. Wo sehen Sie das grösste Potenzial?
Neue Geschäftsmodelle sind nur erfolgreich, wenn sie schlanke, effiziente Prozesse ins Zentrum stellen. Daneben sind die Kundennähe und die Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden sehr wichtig, damit man sich von den traditionellen Instituten differenzieren kann. Durch den Einsatz neuer Technologien entstehen günstigere und flexiblere Lösungen, die trotzdem robust und sicher sind.
Welche Rolle wird der Schweizer Finanzplatz in zehn Jahren im globalen Wettbewerb spielen?
Die Schweiz geniesst weiterhin den Ruf eines sicheren, innovativen und vertrauensvollen Finanzplatzes, deren Institute Kundinnen und Kunden aller Vermögensklassen in finanziellen Fragen begleiten.
Marianne Wildi, Verwaltungsratspräsidentin Hypothekarbank Lenzburg