Die Politik- und Wirtschaftsphilosophin Katja Gentinetta zeichnet ein düster-realistisches Bild der momentanen Weltlage. Sie rät Führungskräften zu Agilität und Flexibilität in ihrem Handeln.
Frau Gentinetta, derzeit erleben wir zahlreiche Umbrüche – von geopolitischen Spannungen über wirtschaftliche Unsicherheiten bis hin zu technologischen Disruptionen. Welche Entwicklungen sind besonders prägend?
Es fällt mir schwer, eine Rangliste zu erstellen. Derzeit haben alle drei Umbrüche einen riesigen Einfluss auf mögliche Zukünfte, denen sich auch Unternehmen stellen müssen. Zum einen gilt nicht mehr USA oder China – was nichts anderes heisst, als dass Europa mit seinem Binnenmarkt umso wichtiger wird. Zum anderen ist es Zeit, dass sich unser Kontinent auf seine Stärken besinnt: seine wirtschaftliche Kraft, seine Innovationskompetenz, seine Vielfalt. Und dass wir miteinander am selben Strick ziehen.
Die Globalisierung nimmt immer mehr eine politische Dimension an. Erleben wir das Ende der alten Weltordnung?
Seit dem Eklat während des Empfangs von Selenskyj im Weissen Haus und der Absage Trumps von weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine ist die Nachkriegsordnung definitiv am Ende. Was Russland und China als «Multipolarität» propagieren, dürfte Realität werden – im Sinne von Einflusszonen, die den Regionalmächten gehören und denen sich die kleineren und schwächeren Länder unterzuordnen haben. Europa ist damit auf sich allein gestellt und muss darauf eine Antwort finden, so rasch und so konkret wie möglich.
Welche historischen Parallelen sehen Sie?
Bereits im Zweiten Weltkrieg fürchtete England nichts mehr als die Hinwendung der USA in den Pazifik, auf Kosten der Unterstützung im Kampf gegen Hitler. Dass sich die USA damals nicht von Europa verabschiedeten, wissen wir inzwischen, und es hat die Freiheit auf unserem Kontinent gerettet. Nun zeichnet sich ab, dass es dieses Mal anders kommt und Trump mit Putin koaliert. Man fühlt sich an den Hitler-Stalin-Pakt erinnert: jenem Pakt von 1939, der Hitler den Überfall auf Polen ermöglichte, ohne Gefahr zu laufen, von Russland attackiert zu werden. Der amerikanische Präsident machte bereits in seiner ersten Amtszeit klar, dass Russlands Aggression das Problem Europas sei, und nicht das der USA. Mit seinen jüngsten Entscheiden lässt er Russland praktisch freie Hand. Wir müssen uns also warm anziehen.
Welche Lektionen können wir aus vergangenen Krisen für die heutige Welt ziehen?
Die erste und grundsätzliche Lektion lautet, dass es ein Fehler war zu meinen, Freiheit sei umsonst. Das Gegenteil ist richtig: Wir müssen fähig sein, unsere Freiheit zu schützen, und im Ernstfall willens, sie zu verteidigen – sofern wir uns nicht einem Diktator unterwerfen wollen. Zweitens gilt es, in der Überwindung der europäischen Geschichte noch einen entscheidenden Schritt weiterzugehen: hin zur eigenen Verteidigungsfähigkeit, und dafür die nationalstaatlichen Empfindlichkeiten hintanzustellen und Eigenheiten wenn, dann produktiv zu nutzen.
Gerade in unsicheren Zeiten sind Werte und Orientierung wichtig. Welche Rolle spielen ethische Grundlagen für politische und wirtschaftliche Entscheidungen?
Strukturen und Institutionen sind immer das eine. Sie sind jedoch nur so stark wie die Menschen, die sie ausfüllen. Auch das lehrt uns die jüngste Geschichte. Während Putin seit über zwei Jahrzehnten eine potemkinsche Demokratie hochhält, dahinter aber mit repressiver Gewalt regiert, macht Trump gerade klar, dass er sich der amerikanischen Verfassung nicht verpflichtet fühlt. Er stellt sich über das Gesetz. Am Ende entscheidet immer der Mensch, ob er seine Macht zum Guten oder Schlechten nutzt.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern Gesellschaft und Wirtschaft rasant. Welche Verantwortung tragen Entscheidungsträger im Umgang mit diesen Technologien?
Es ist zwischenzeitlich erkannt und bewiesen, dass die künstliche «Intelligenz» primär vorhandenes Wissen kombiniert – und damit unsere Fehleinschätzungen und Schwachstellen repliziert –, ob es sich dabei um vorläufiges Wissen oder überkommene Vorurteile handelt. Diese Erkenntnis muss uns dazu anhalten, genau hinzusehen und das von der KI vorgesetzte kritisch zu hinterfragen – das heisst: zu denken. Denn genau das kann die KI nicht.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen, um einerseits die Möglichkeiten neuer Technologien zu nutzen und anderseits die Risiken im Griff zu behalten?
Das Spannungsfeld zwischen Innovation und Regulierung in diesem Bereich ist enorm. Und auch hier spielt die geopolitische Komponente hinein: Während China die Technologie zu Überwachungszwecken nutzt, folgen die USA einzig dem unternehmerischen Imperativ – zwischenzeitlich jedoch auch zur Untermauerung der Macht. Europa steht dazwischen und allein – ohne eigene bedeutende Unternehmen. In erster Linie muss der alte Kontinent mehr eigenes Wissen und eigene Kompetenz in diesen Bereich investieren. Die Abhängigkeit von den USA und China muss überwunden werden.
Wie können Führungskräfte in einer komplexen Welt kluge Entscheidungen treffen?
Es gilt, einen Kompass zu wahren, die Entwicklungen von ihrem Ende her zu denken und nicht in Extreme zu verfallen. Letztlich geht es darum, im Rahmen gewählter Strategien – oder mehr noch: trotz eingeschlagener Wege – flexibel und agil zu bleiben. Führungskräfte müssen mit ihren Organisationen fähig sein, auf mögliche Kehrtwenden rasch zu reagieren.
Katja Gentinetta, Politik- und Wirtschaftsphilosophin